Am vergangenen Wochenende habe ich mit meinem Partner an
einem zwei-tägigen Geburtsvorbereitungskurs teilgenommen. Wir hatten ja bisher
nur die lustigen und leicht peinlichen Bilder aus den Serien und Filmen im
Kopf. Alle sitzen im Kreis, die Männer hinter den Frauen, während diese eifrig
hecheln und stöhnen. Kein Wunder, dass sich mein Freund darauf nicht sonderlich
gefreut hat. Ich war sehr vorfreudig, denn ich nahm an, dass den Männern
allumfassendes Wissen vermittelt und uns Frauen alle Fragen beantwortet würden.
Die Hebamme, die den Kurs leitete ist mit 16 Jahren Berufserfahrung eigentlich sehr
erfahren, denke ich, jedoch für unseren Geschmack wirkte etwas unsicher.
Insgesamt waren wir neun schwangere Frauen und acht Männer.
Eine Frau brachte erst am zweiten Tag eine Begleitung mit. Alle saßen auf
Matten auf dem Boden mit Kissen und Stillkissen ausreichend versorgt. Frischer Lemongrasstee
erfüllte den kleinen Kursraum mit einem angenehmen Duft. Zwei Tage á sieben
Stunden lang sollte uns nun alles über die Geburt und die erste Zeit danach
erklärt werden.
Was mir bereits zu Beginn auffiel war, dass ich mit 29 Jahren
die jüngste Teilnehmerin war. Außer einer Frau, waren alle Mitte bis Ende
dreißig und schwanger mit ihrem ersten Kind. In Berlin ist das ja nichts
ungewöhnliches, aber ich dachte, dass diese Frauen, dann entspannter weil
weiser wären, aber genau das Gegenteil war der Fall. Sie wirkten alle, die
ganzen zwei Tage lang nervös, ängstlich, gestresst und überbesorgt. Ich malte
mir zwischendurch aus, wie sie wohl mit ihren Kindern dann umgehen würden und
dass sie wieder ängstliche, besorgte Menschen heranziehen würden, wovon wir
doch schon so viele haben. Die Hebamme unterstützte sie alle in ihren Ängsten
vor möglichen Komplikationen, Risiken und dem allumfassenden Versagen als
Mütter.
Bereits in den Wochen zuvor ist mir aufgefallen wie dogmatisch und ideologisch
die Mutterschar ist, vor allen in Foren und auf Blogs, die sich gegenseitig das
Leben schwer macht. Ängste werden geschürt, Erwartungen höher und höher
geschraubt „die perfekte Mutter“ zu werden oder zu sein, und damit unter der
Last, die niemand bewältigen kann, zu ersticken. Natürlich sind einige Ideen
erziehungstechnisch und auch sonst gar nicht schlecht und interessant, aber
leider liest man aus vielen Einträgen ein allumgreifendes Weltbild heraus, in
dem dann alle Bereiche abgedeckt werden müssen. Also es reicht nicht, sein Kind
gern tragen zu wollen, es muss dann auch langzeitgestillt werden, windelfrei
aufwachsen, so lange als möglich im Bett mit schlafen, niemals geimpft, in
keine Schule gesteckt, mit Klamotten aus Wolle eingekleidet und natürlich nur
zum Heilpraktiker geschickt werden. Versteht mich nicht falsch mit einigen
Aspekten fühle ich mich auch sehr wohl, mit anderen gar nicht. Was mich aber
stört und auch bei dem Kurs gestört hat, war dieser Zwang in eine Richtung
gehen zu müssen. Die viel gepriesene Individualität wird nur vorgegaukelt und darf nicht gelebt werden. Eigentlich bewegen sich viele von einem alten
Dogma in ein neues, ohne es zu merken und halten sich für revolutionär. Im Kurs
ging es dann viel um Akupunktur, Yogakurse, Beckenbodenübungen, Stilltipps, Globuli
und die natürliche Geburt. Ich möchte mein Kind auch sehr sehr gern daheim bekommen,
womit ich übrigens die Einzige war. Drei Frauen bekommen es im Geburtshaus, was
eigentlich auch nichts anderes ist, finde ich, und die anderen fünf bekommen es
aus „Sicherheitsgründen“ im Krankenhaus. Nun kenne ich weder deren
Krankengeschichte, noch weiß ich, ob sie in irgendeiner Form Risikopatientinnen
sind. Aber jeder sollte es genauso machen, wie er es möchte.
Was für mich in diesem Kurs und auch auf den Blogs fehlt,
ist die eigene Intuition. Liebe Frauen, hört auf euren Bauch! Im wahrsten Sinne
und doppelten Sinne. Ich denke das Kind in euch, hat eh seinen eigenen Kopf,
was es braucht, wann es kommen will usw. Macht all das wonach euch ist. Geht
schwimmen und zum Sport, wenn euch danach ist, aber fangt nicht zwingend Yoga
oder Akupunktur an, nur weil alle anderen es sagen, wenn ihr das eh immer
seltsam fandet.
Wen es interessiert, klar, aber warum sollte man ein neuer Mensch werden, ein
anderer, nur weil man schwanger ist? Weniger auf den Kopf hören und mehr auf
den Bauch und das Herz. Da ist meine Devise und Mantra, was ich auch noch immer
zu oft vergesse. Das Kleine im Bauch macht es ja auch so und es hat sich bisher
gut entwickelt mit dieser Einstellung. Und ich denke, es wird auch unser Leben
nach seinen Bedürfnissen formen, und bringt alle Planungen durcheinander. Nur weil ich ihn gerne Tragen
würde, heißt das nicht, dass er das auch toll findet. Vielleicht mag er lieber
im Kinderwagen durch die Welt gefahren werden. Auch mag ich die Idee, dass er
ganz nah bei uns im Bett mitschläft, aber vielleicht mag er das nicht und
möchte lieber ausreichend Platz in seinem eigenen Bett haben. Und da ich so wenig
wie möglich Zwang ausüben möchte und lieber gutes Vorbild als strenge Mutter
sein möchte, wäre ja genau das das Falsche denke ich. Nur weil ich eine Vorstellung
und Erwartung habe, heißt es noch lange nicht, dass es auch so eintrifft.
Das war noch ein weiterer Punkt, was mich stark überrascht und erschreckt hat,
dass so viele Damen in dem Kurs so kleine Kontrollfreaks mit Listen über Listen
sind. Listen für Anschaffungen, Listen für mögliche Zwischenfälle, was sie dann
wollen und auch nicht, Listen für die erlaubten Medikamente im Krankenhaus,
Listen für die Musik während der Geburt, Listen für die Anzahl der Besucher pro
Tag, Listen fürs Wochenbett, welche Lebensmittel im Haus sein sollen usw. Ich
übertreibe nicht.
Im Laufe des Sonntags sollten wir dann noch unter uns Frauen aufschreiben, was
wir uns von unseren Partnern wünschen und die Männer sollten ihre Gedanken und
Fragen notieren. Was für mich aus allen Gedanken ans Tageslicht trat war eine
übermäßige Angst, dass die Herren dem Ganzen nicht gewachsen seien. Die Frauen
machten sich auch hier wieder massive Sorgen, dass ihre Männer überfordert,
angeekelt, zu schwach oder einfach nur unzureichend vorbereitet seien. Ich bin
immer noch erschüttert, dass das der einheitliche Tenor von fast allen Frauen
war. War das wirklich echt oder nur wieder das Bedienen von Klischees? Wenn ich
meinem Partner nicht zutraue, die Geburt mit mir zusammen durchzustehen, wie
soll das dann mit dem gemeinsamen Kind in Zukunft werden? Ich bin da sehr
zuversichtlich. Mein Freund vermittelt mir absolut das Gefühl, dass er mich an
meine Stärke erinnert, wenn ich sie mal vergessen sollte und auch mich
beruhigen kann, wenn ich kurz vor dem Durchdrehen bin und ja einfach da ist,
wenn ich ihn brauche. So sollte das doch sein, oder nicht?
Um hier nicht nur zu meckern. Wir haben auch einige
nützliche Tipps erhalten. Ich wusste vorher nicht, wie die Wehen sich
ankündigen und wie sich die Frequenz verstärkt, welche Geburtspositionen es
geben kann und an welcher Stelle der Partner seine Frau massieren kann, um sie
zu entspannen. Aber die ganzen anatomischen Erklärungen, waren sicherlich für
die meisten Männer eher uninteressant, jedenfalls wenn man ihre Mimik deutet.
Wir haben nicht gehechelt, dafür auf A, O und U „getönt“, damit wir spüren wie
sich der Körper damit weitet. Er war gut als Erinnerung für mich, da meine
letzten Yogastunden mit Mantrasingen und Gesangsstunden überhaupt schon einige
Zeit zurückliegen. Alle weiteren Tipps und Tricks wurden leider etwas
zurückhaltend formuliert, so nach dem Motto: Ich erkläre es euch, aber bei euch
wird schon alles glatt laufen und eigentlich könnt ihr das gleich wieder
vergessen. Wie bitte, warum? Du bist die kompetente Hebamme, die schon so viele
Geburten gesehen und begleitet hat, für uns ist es alle das erste Mal. Wir
haben Fragen und wünschen konkrete Antworten, sonst würden wir im Internet
suchen, wenn nur vage Aussagen haben wollten.
Ich hoffe das lag nur an der Hebamme und nicht an der
allgemeinen Art, wie heute Geburtsvorbereitungskurse gegeben werden. Auch den
Verweis auf Heilpraktiker und Homöopathen, auf eine Spezielle, deren Name ca.
20 mal erwähnt wurde, im Zusammenhang mit Büchern, Präparaten und allem
möglichen, fand ich so deplatziert, dass ich nicht umhin kam, sie gegen Ende
des Kurses zu fragen, ob sie Provision bekäme pro Namensnennung. Danach sprach
sie nur noch von der „gewissen Frau“. Leider erklärte sie viel über den Ablauf
im Geburtshaus und im Krankenhaus, leider fast gar nichts über die Variante
sein Kind daheim zu bekommen, aber gut. Da sie sicherlich keine Erfahrung darin
hat, wären Mutmaßungen auch ein bisschen fehlplatziert.
Mein Fazit ist, liebe Schwangeren macht einen Kurs, aber
wenn euer Partner nicht darum bettelt dabei zu sein, lasst ihn zuhause. Macht
den Kurs im besten Fall dort, wo ihr auch gebären wollt, ob nun im Geburtshaus
oder im Krankenhaus. Solltet ihr euer Kind wie ich, gern zuhause zur Welt
bringen reicht ein ausführliches Gespräch mit eurer Hebamme, die weiß eh am
besten Bescheid und kann alle Fragen spezifischer beantworten.
Ich bin schlussendlich sehr froh, meine tolle Hebamme
gefunden zu haben, die mein Freund und ich, vor allem nach diesem Kurs als sehr
kompetent, bodenständig und entspannt einschätzen. Sie weiß wie weit ihre
Möglichkeiten gehen und sagt aber ganz klar, dass sie keine unnötigen Risiken
eingeht, und wir im schlimmsten Falle auch verlegen müssen, was bedeutet, dass
wir rechtzeitig und entspannt ins Krankenhaus fahren. Von irgendwelchen Horror-Stories,
leider auch der anwesenden Teilnehmerinnen, hab ich langsam die Nase voll.
„Meine Freundin wollte ihr Kind auch gern zuhause bekommen,
ganz gemütlich und schön und dann… war es ein furchtbarer Notkaiserschnitt.
Alles war so schrecklich.“
Am ersten Tag hab ich mich noch nicht getraut, aber am
zweiten Tag wiederholte sie es fast wortwörtlich nochmal. Ich konnte auch hier
nicht an mich halten und fragte sie, was denn zwischen der Situation, schön
zuhause mit Kerzen usw. und der Not-OP im Krankenhaus passiert sei? Hat die
Hebamme gepennt, die Herztöne nicht gecheckt, oder wie ist es dazu gekommen?
Zögerlich antwortete sie mir mit leicht abgewendetem Blick. „Meine Freundin
wollte das Kind unbedingt zuhause bekommen und hat sich gegen die Hebamme
gestellt und die Verlegung herausgezögert, bis es nicht mehr ging.“ Ich habe
dann nur genickt. Denn ein „Ich wusste es doch“, wäre ein bisschen anmaßend
gewesen. Die Storys der Leute sind immer so fantastisch und skurril, aber meist
einfach von menschlichen Fehlern geprägt. Ich will nicht sagen, dass sie mir
nicht passieren oder passieren werden, aber warum verheimlicht man die eigenen
Fehler oder Fehleinschätzungen immer derart, dass die Geschichte eine dermaßen
andere Intonation bekommt? Ich denke, weil man damit in unserer Gesellschaft
Schwäche zugeben müsste, und die „zukünftigen Supermamas“ machen natürlich
keine Fehler und ihre Freundinnen auch nicht.
Ich bin froh, das bereits gelernt zu haben, dass wir alle
Fehler machen und es für mich ein Zeichen von Stärke ist, diese auch zu
zugeben. Das Angst haben okay ist, sie dich aber nicht kontrollieren sollte.
Und ich muss mich selbst immer wieder an die Inder erinnern, an das Gefühl, das
ich aus Indien mitgebracht habe:
„Mach dir keine Sorgen über die Zukunft, über alle
Möglichkeiten, was dir Schlechtes widerfahren kann. Du bist schlau und erfahren
genug, in jeder eintreffenden Situation angemessen und richtig zu reagieren.
Habe dieses Selbst-Vertrauen und alles wird gut!“