Montag, 15. Februar 2016

Was hast du erwartet?

Nun sind wir schon fast einen Monat wieder zurück in Deutschland. Zwei Monate haben mein Freund Tom und ich in Indien verbracht. Wir wollten arbeiten und reisen. Wir sind zwei sehr organisierte Menschen, wir lieben To Do-Listen, oder sollte ich sagen - liebten?

Wir beide hatten mehr oder weniger konkrete Vorstellungen, was diese Reise betrifft. Ich sage Reise und nicht Urlaub, denn es sollte nicht um Erholung gehen, sondern um Abenteuer und Wachsen, in welchem Sinne auch immer. Wir hatten vor, in einem Hotel zu arbeiten, durchgehend an der Rezeption zu sitzen, fünf Tage die Woche, acht Stunden am Tag. Das ist nicht eingetroffen. Wir sind in einer Lodge angekommen. Ein kleines 6-Zimmer-Häuschen am Strand empfing uns: Weiß getünchte Wände, sehr viele Ecken und Kanten, ein paar sparsam gesetzte Farben hier und da. Der Freund, der uns begrüßte, sprach den Wunsch aus, dass wir mit unserem künstlerischen und handwerklichen Talent doch gerne mit ihm zusammen das Haus noch etwas gemütlicher und individueller gestalten könnten. Das haben wir uns nicht zweimal sagen lassen und fingen bereits am dritten Tag an zu malen.
Es war für mich die beste Möglichkeit, anzukommen in diesem Land. Ein Land, in das ich solche Erwartungen gesteckt hatte. Ich wusste von Freunden, die schon viel und weit gereist waren, dass dieses Reisen sie nachhaltig verändert hatte. Also doch bitte auch mich. Es war das Frau Holle-Prinzip. Ich war die Pechmarie, die dasselbe tat wie die Goldmarie, in meinem Falle einfach wegfahren, weit weg, und dann setzt der erwartete Effekt schon von selbst ein. So dachte ich.
Aber es passierte, womit ich nicht gerechnet hatte, Indien überforderte mich am ersten Tag, in der ersten Stunde genauer gesagt. Das Fremde, das ich so sehnsüchtig gesucht hatte, erschreckte mich dermaßen, dass ich fast eine Woche und eben diese künstlerische Betätigung brauchte, um mich zu akklimatisieren. Keiner hatte damit gerechnet. Tom nicht, unsere Gastgeber nicht, den ich Monate vorher schon mit Fragen gelöchert hatte. und ich am wenigsten. Also wurde mir bewusst, dass ich doch mehr Angst in mir hatte als ich gedacht.
Ich hatte auf geistige Erleuchtung gehofft, spirituelle Erfahrungen erwartet, mir Tiefe gewünscht, die ich im oberflächlichen Westen oft vergeblich gesucht hatte.
Wir haben in den ersten Wochen viel Yoga praktiziert, sogar Tom zum ersten Mal. Iyengar Yoga war es, bei der wundervollen Carmen, einer unfassbar herzlichen, toughen Kolumbianerin mit geschmeidigen 72 Jahren. Sie ist mit ihrem Mann José zusammen, wohl einer der wärmsten Menschen, die ich je getroffen habe. Meine Yoga-Praxis, die ich schon seit einem Jahr betreibe, hat sich in der Zeit nochmals vertieft und eine wirkliche Ernsthaftigkeit erhalten. Seither übe ich fast jeden Morgen auch für mich alleine Yoga, je nachdem was mein Körper oder Geist braucht. Ich glaube, ich brauche Vorbilder, die mich hin und wieder auf meinem Weg bestärken, seien es Schriftsteller, Lehrer, beeindruckende Menschen oder auch Film- oder Literaturfiguren, sie können teilweise auch diese Wirkung auf mich haben.
Alle interessanten Menschen vorzustellen, die wir in den zwei Monaten kennengelernt haben, ist gerade zu ausführlich, aber vielleicht ein weiteres Projekt.
Was nun passiert ist? Was ist eingetroffen von den Erwartungen? Haben sie sich erfüllt?
Ja und nein. Wie so oft. Ich habe verändernde Erfahrungen gemacht, aber andere als ich erwartet habe. Was mir auf dieser Reise wieder bewusst geworden ist, ist das es wir Menschen sind, die zählen. Nur wir!
Es sind unsere Beziehungen, Liebe, Vertrauen, Offenheit, Verständnis und Mitgefühl, die uns ausmachen und uns glücklich machen. Ich bin Menschen begegnet, habe mit ihnen sechs Tage verbracht und habe Persönliches erzählt und erfahren und dadurch eine menschliche, warme Verbindung zu ihnen aufgebaut, wie ich sie nicht zu meinen langjährigen Mitschülern erlebt habe. Ich weiß nicht, ob die Malayalis (die Bewohner von Kerala) einfach herzlicher sind oder offener als die Leute in Deutschland, oder ob die Reisenden offener sind als Daheimgebliebene. Das kann man nicht verallgemeinern, aber sie haben mich im Herzen berührt.
Ich habe für mich gelernt, mich weniger zu verschließen, mit weniger Skepsis auf Menschen zuzugehen, mehr Vertrauen und Offenheit an den Tag zu legen, um Neues zu erfahren. Ich habe in Indien Dinge gemacht, die ich in Deutschland aus lauter Vernunft und Angst nicht ausprobiert hätte. Wir sind ohne Führerschein (und Fahrpraxis!) und Zulassung Motorrad gefahren, haben in Hotels geschlafen, die ich früher fluchtartig verlassen hätte. Wir sind stundenlang Bus gefahren, was ich sonst auch nicht ausstehen kann. Aber das Schönste war, dass wir beide fast pausenlos gelächelt haben. Menschen angelächelt haben, und was haben wir erhalten? Ebenfalls ein Lächeln natürlich, ein ehrliches, freundliches Lächeln, das von Herzen kam. Wie lange habe ich das nicht bei einem fremden Menschen gesehen. Was nicht daran lag, dass in Deutschland niemand lächelt, sondern, dass ich es für unmöglich gehalten habe, es überhaupt zu versuchen.
Und die schönste Erkenntnis, die ich von den Indern gelernt habe, ist, dass es ziemliche Zeitverschwendung ist, sich über Zukünftiges Sorgen zu machen. Es kommt eh, wie es kommt. Du kannst und musst natürlich aktiv sein und Deine Zukunft selbst gestalten, aber Tage oder auch nur Sekunden damit zu verbringen zu überlegen, was alles Furchtbares, Peinliches oder Dramatisches passieren könnte, ist, gelinde gesagt, ziemliche Zeitverschwendung. Vor allem in Momenten. in denen der Verstand still zu sein hat, und das Herz entscheiden muss.
Ich muss den, für einige Menschen schnulzigen Satz aussprechen, (sorry Sabine):

Indien hat mir das Herz geöffnet. 

Ich habe mehr Vertrauen zu meinem Freund gewonnen, mir ist die Wichtigkeit meiner Freunde noch mehr bewusst geworden, meine Familie hat einen festeren Stellenwert in meinem Leben erhalten und all meine Zukunftspläne sind weniger egoistisch, aber dadurch nicht weniger selbstverwirklichend.
Ich habe mehr die Gleichheit zwischen allen Menschen gesehen und verinnerlicht, als die Unterschiede zu manifestieren. Denn letztendlich treibt uns alle dasselbe an: Liebe. Und sie ist der Gegensatz zur Angst. Wo das eine vorherrscht, kann das andere nicht sein. Also lasst nicht Angst euer Leben bestimmen, wenn doch eigentlich so viel Platz für Liebe da ist.

Mit offenem Herzen

Lydia 

PS: noch ein paar schöne Bilder aus Indien!

 Kids in Kochi, Kerala


 Ziege auf dem Roller in Kochi


 Eine kleine Familie auf dem Roller


 "Can you take a picture of me?"


Sackhüpfen beim Kinderfest im Hof der Chameleon Beach Lodge, Vypin, Kerala


 Die Kinder haben Spaß und wir auch!


Tom und Regi bei einer indischen Verlobungsfeier


Mein erstes Mandala in der Chameleon Beach Lodge


 Ausgefräst und angemalt, das Tor vorm Chameleon


 Unsere Yogalehrerin Carmen mit mir


 Work in Progress - ein weiteres Mandala in den Bergen Keralas


 Auf den Bergen Keralas


Tom auf dem Motorrad in den Bergen


 Wir mit unserem Gastgeber Joseph und Freunden vor unserem letzten Kunstwerk


 Der Strand vor der Chameleon Beach Lodge


 Unser Floßbauprojekt mit Gästen des Chameleons


 Angeln im Sonnenuntergang