Immer wieder lese ich Sätze, die in mir einen Orkan an Gedanken
auslösen, ein Feuer, eine Erkenntnisexplosion. Und genau so einen Satz habe ich
gerade aus dem Buch „Etwas mehr Hirn bitte.“ von Gerald Hüther vor mir. Du
liest und liest und dann liest du einen Satz, der alle Wahrheit in sich zu
vereinen scheint. Einen Satz, den du noch dreimal liest und dir denkst: „Klar,
warum bin ich nicht schon früher drauf gekommen?“
Warum? Weil die Zeit noch nicht reif war, oder noch andere
Erfahrungen und Ideen gefehlt haben, an die ich anknüpfen konnte, so formuliert
es Hüther. Wir können nur Sichtweisen oder Ideen verinnerlichen, die zu unseren
Bestehenden passen. Erzählt uns jemand etwas, das so fernab von unserem
Wissens- oder Erfahrungsschatz ist, tun wir es als Unsinn ab und verwerfen es
im nächsten Moment. Klingt logisch. Und meist passiert es dann dass ich von
einen auf einen anderen Gedanke komme und mich in einem leicht abgewandelten
Thema verliere…
Aber nun der eigentliche Satz, um den es mir geht:
„(der Mensch konzentriert sich ausschließlich darauf)...was
ein einzelnes Lebewesen oder eine einzelne Art ausmacht, wodurch sie sich von
den anderen Lebewesen und anderen Arten unterscheidet und was sie
voneinander trennt, haben wir bisher weitgehend übersehen, was alle
Lebensformen miteinander verbindet.“
Genau. Es stimmt. Ob wir nun Tiere, Pflanzen oder
Sternbilder betrachten, wir orientieren uns an den Merkmalen, die sie
unterscheiden, um sie zu benennen. Und dieses Denken breitet sich aus, auf alle
anderen Bereiche unseres Lebens. Wir klassifizieren Menschen nach Einkommen,
Herkunft, Aussehen oder sexueller Orientierung und ordnen ihnen entsprechend
unsere Bildung und Weltanschauung Eigenschaften zu wie: gut, dumm, hässlich,
interessant, anders, armselig oder gar minderwertig. Wir packen sie in
Schubladen wie einen Vogel, den wir anhand von Gefiederfarbe, Schnabelform und
Größe bestimmen. Es hilft uns, uns zu Recht zu finden. Denken wir. Aber hin und
wieder schaffen wir es, so viele Abgrenzungen zu schaffen, zu uns und zwischen
den Menschen, dass wir uns selbst total ab- oder gar ausgrenzt fühlen. Wir
haben verlernt, das Gemeinsame zu sehen. Was passiert ist, dass wir uns zurückziehen,
Egoisten werden und unsere Empathie ausstellen. Da wir tatsächlich der Meinung
sind, der andere neben uns, im Bus oder dort in den Nachrichten, der gerade den
Bombenanschlag überlebt hat, hat nichts, aber rein gar nichts mit uns zu tun.
Vor einiger Zeit riet mir ein Freund, dass ich mir nicht
immer so viele Gedanken über andere machen soll. Ich solle mir nicht die Probleme
anderer zu Eigen machen. Er hat zu einem gewissen Grad Recht, dass man es auch
übertreiben sollte, aber wenn es deinen engsten Freunden schlecht geht, finde
ich es eher seltsam wenn man nicht mitfühlend ist. Und dass man beim Anblick von weinenden
Menschen nichts empfindet, finde ich
sehr bedenklich. Was ist denn nur passiert? Verrohung durch die Medien? Überpräsenz
von Gewalt und Terror? Einfach zu viel davon? Natürlich sollte uns nicht jedes
Drama in eine Sinnkrise stürzen, sonst wären wir letztendlich lebensunfähig,
aber Mitgefühl zu zeigen oder auch nur zu empfinden, finde ich nicht als Verschwendung
von Lebenszeit.
Das Gefühl und auch der Gedanke mit allen Lebewesen
verbunden zu sein, fühlt sich großartig an. Und ich denke, es ist nicht nur ein
Privileg, ein Geschenk, sondern auch ein Stück weit Verantwortung. Seit dem ich
schwanger bin und auch immer stärker spüre, dass sich in mir etwas Lebendiges
befindet, macht diesen Gedanken so natürlich, selbstverständlich und logisch,
dass es irre ist, ihn jetzt noch zu bestreiten. Die Hälfte der Menschheit, nun
gut, fast die Hälfte, da nicht alle Mütter sind, kennen dieses Gefühl.
Natürlich kann man jetzt argumentieren, dass die Verbindung zu dir selbst, und
in deinen eigenen Körper, die ist die du spürst, aber hat nicht jede schwangere
Frau irgendwann im Laufe ihrer Schwangerschaft das Gefühl erlebt, dass Leben in
ihr wächst. Dass sie etwas Neues auf die Welt bringt und dass das nur geschieht
ist, weil sich zwei Menschen vereint haben (im Idealfall durch Liebe)? Menschen,
die sich vielleicht fünf Jahre zuvor nicht mal kannten und nun ein gemeinsames
Leben beginnen und ein neues Leben auf diese Welt bringen. Ich für meinen Teil
finde es unglaublich erhebend, dass meinem Gefühlsportfolio weitere hinzugefügt
wurden, durch diese Veränderung. Das Gefühl, noch mehr in meinem Körper zu sein
und eine Verbindung zu dem ungeborenen Kind und dadurch zum Leben an sich, zu
allen Lebewesen, in gewisser Weise erhalten zu haben. Jede Frau und jedes
weibliche Tier er“lebt“, dieses Wunder. Sie erleben Leben. Wie könnte man
stärker in einem Moment sein, in der Gegenwart, wie es uns doch von allen
spirituellen Gurus empfohlen wird, als dieses Gefühl wahrzunehmen? Ich sage
nicht, dass jede Frau schwanger sein muss, um dieses Gefühl zu erleben, aber
vielleicht sollten alle, die bereits schwanger waren oder sind und auf der
Suche nach diesem Gefühl „im Moment präsent zu sein“ sind, sich einfach auf
dieses Gefühl zurückbesinnen. Das ist es. Das ist Leben. Jetzt genau in diesem
Moment, lebe ich. In mir lebt etwas. Es wächst täglich heran und ich spüre wie
es mit mir und ich mit ihm in Verbindung stehen. Ich nähre es und es lehrt
mich, was ich brauche, ob nun bestimmte Nahrung oder Bewegung oder Ruhe. Ich
kann nicht über diese Bedürfnisse hinweggehen, denn es sind nicht nur meine. Es
sind auch die eines anderen, neuen Lebewesens. Und wer bin ich, dass ich über
diese Bedürfnisse hinwegschauen könnte, wenn es diese doch so ausdrücklich
braucht? Und wie könnte ich dann ferner nicht Mitgefühl und das Gefühl der Verbundenheit
mit anderen Menschen, Tieren und auch Pflanzen haben?
Doch in wie fern geht das Mitgefühl mit Verständnis einher?
Es fällt mir doch immer noch schwer, für alles, was Menschen
tun Verständnis zu haben. Ob sie nun Kriege beginnen oder in meinem näheren
Umfeld rücksichtlos und egoistisch durch ihr Leben stapfen. Vielleicht geht das
auch gar nicht. Aber ich möchte, für mich einen Weg finden, dass ich mich nicht
ständig darüber aufrege, und auch hier die Gemeinsamkeiten suche, und ein
Stückweit meinen inneren Frieden mit ihnen schließe. So dass ich nicht immer
denken muss, dass sie und mich doch so viel trennt, und wir auf verschiedenen
Wellen zu schwimmen scheinen, und dass sie doch bitte ihr negatives und
destruktives Verhalten bemerken sollen. Aber Groll bringt letztendlich nur mir
Bauchschmerzen, nicht ihnen.
Natürlich ist dieses „Mutter sein und werden“, nur ein Aspekt,
des breiten Spektrums, das gemeint ist, wenn wir von den Verbindungen zwischen
allen Lebewesen sprechen. Aber ich mag Bilder und Vergleiche, und für mich ist
genau dieses Bild: „Die schwangere Frau erlebt durch die Verbindung zu ihrem
Kind, die allumfassende Verbindung zum Leben an sich“, ein sehr schönes und
einleuchtendes, vielleicht ja auch noch für den einen oder anderen.